Man spricht nur mit dem Herzen gut

07. Juni 2009

teaser.jpg"Erziehung durch Beziehung" war das Thema des Abends, zu dem der Arbeitskreis "Themenabend" wieder in die Mensa geladen hatte. Die rund 80 interessierten Eltern hatten dann auch gleich Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, wie man in der oben genannten Situation mit der Tochter oder dem Sohn ins Gespräch kommt, ohne die Beziehung nachhaltig zu stören oder gar zu zerstören. "Ich würde sie bitten, sich umzuziehen", war die Idee eines Vaters. Ein anderer würde der Tochter vorschlagen, zusammen an ihren Kleiderschrank zu gehen und mit ihr gemeinsam etwas Passendes heraussuchen. Ein dritter würde sich an Sophies Kleidung gar nicht stören und sagen: "Gut, dann gehen wir."

Ein wenig zu "vernünftig", zu reflektiert erschienen der gelernten Pädagogin und Kommunikationstrainerin Alexandra Boos die Aussagen der Eltern. Deshalb hakte sie nach: "Würde denn niemand so etwas wie 'Spinnst du!' oder 'So gehst du mir nicht zu Omas Geburtstagssfest!' ausrufen?" Zustimmendes Kopfnicken: Doch, so etwas läge ihnen auch auf der Zunge, meinten die anwesenden Väter und Mütter, zumal sie genau Solches als Jugendliche auch von ihren Eltern gehört hätten.

Genau solche Sätze aber sind Beziehungs- und damit auch Erziehungskiller, wie sie im Buche stehen, zumindest in dem von Marshall B. Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Komunikation, jener Form von Gesprächsführung, der sich Alexandra Boos verschrieben hat und die sie an jenem Abend ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ein wenig näher bringen wollte. Gewaltfrei zu kommunizieren heißt, seine Aufmerksamkeit zunächst nach innen zu lenken, heißt, drei Schritte vorzuschalten, bevor ich mich dem Gegenüber sprachlich zuwende, um ihn dann um das, was ich gerne möchte, zu bitten: "Als erstes muss ich mir ganz wertfrei darüber klar werden, was ich sehe", sagt Alexandra Boos. Im Fall "Sophie" wäre das ein bauchfreies Top und verwaschene Jeans. Wertfrei wahrnehmen meint beobachten ohne zu bewerten. Sophie hat also nicht "schon wieder dieses häßliche Top und diese schrecklichen, vergammelten Jeans an", sondern eben das bauchfreie Top und die verwaschenen Jeans.

Als zweites muss ich mir über meine Gefühle in dem Moment klar werden. Welche Gefühle löst Sophies Kleidung bei mir aus? Enttäuschung? Ärger? Wut? Und als drittes muss ich mich fragen, welche meiner Bedürfnisse in dieser Situation unerfüllt bleiben. Wollte ich den Geburtstag entspannt feiern und Sophies Kleidung bringt mich in Stress? Möchte ich vom Rest meiner Familie anerkannt werden und meine, Sophies Kleidung würde dies verhindern?
Erst wenn ich mir selbst über all das klar geworden bin, empfiehlt es sich, ein Gespräch mit der Tochter oder dem Sohn zu beginnen, in dem ich versuche, ihr oder ihm aufrichtig das Wesentliche zu sagen, nämlich das, was ich sehe, fühle und mir ein Anliegen, ein Bedürfnis ist. Erst dann kann ich mein Gegenüber um das bitten, was ich gerne möchte.

Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit sich selbst und dem Kind bzw. Jugendlichen gegenüber, Worte, die aus dem Herzen kommen, sind warm, gelassen und friedvoll - und wirken.

"Am Ende einer solchen Kommunikation wird Sophie sagen: 'Na gut, dann ziehe ich das Kleid an.'", meint Alexandra Boos. Illusorisch, meinen Sie? Probieren Sie's einfach mal aus! Anhängend ein Arbeitsblatt von Alexandra Boos zum Üben...

Literaturempfehlungen zur gewaltfreien Erziehung:

  • Marshall B. Rosenberg, Gewalttfreie Kommunikation
  • Marshall B. Rosenberg, Kinder einfühlend ins Leben begleiten – Elternschaft im Lichte der Gewaltfreien Kommunikation
  • Jesper Juul, Aus Erziehung wird Beziehung
Links: www.andrelarsson.com
Dateilink: Ab_Rosenberg.pdf


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Kategorie: Tagebuch