Ein Indianer kennt keinen Schmerz – diesen Satz, so Armin Krohe-Amann, könne er bald nicht mehr hören. "Die Indianer, die ich kenne", so der Tübinger Pädagoge, "kennen sehr wohl Schmerz."
Rund 90 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich beim jüngsten Themenabend in der Mensa des AEG eingefunden, um von Krohe-Amann, Mitarbeiter beim Tübinger Verein für Jungen- und Männerarbeit "PfunzKerle", kompetente Antwort auf die Frage "Was brauchen Jungs?" zu bekommen.
Und der "PfunzKerl" weiß wovon er spricht: seit Jahren begleitet er Jungen und Männer auf dem Weg zu einem gelingenden, einem "balancierten" Jungen- und Mannsein, führt mit ihnen Gespräche, berät sie, arbeitet mit ihnen.
Jungen, sagt Krohe-Amann, wollen und suchen Orientierung, fordern diese mitunter heftiger und unbequemer heraus als ihre weiblichen Pendants, brauchen aber genauso Unterstützung auf ihrem Weg zum Herstellen einer guten Selbstbeziehung. Das Modelllernen an realen erwachsenen Männern sei dabei von großer Bedeutung. Allzu oft würden sich Jungs, vielleicht auch aus Mangel an realen Vorbildern, mediale Helden als Modelle heraussuchen. Diese blieben aber, was Mannsein anbelangt, meist platt und einseitig. Genau diese Einseitigkeit aber ist es, die eine gelingende Entwicklung hemmt. Ein „balanciertes Junge- und Mannsein“ müsse Ziel einer Jungenpädagogik sein, meint Armin Krohe-Amann: einer ausgeprägten Konzentration auf sich selbst müsse zum Beispiel die Fähigkeit zur Integration, also dem sich einfügen können in eine Gruppe, gegenüberstehen, Jungen oder Männer, die besonders charmant mit Mädchen und Frauen umgehen können, sollen lernen, auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen Gefühle wie Zuneigung und tiefe Freundschaft ausdrücken zu können. Nicht zuletzt gilt es für viele Jungs und Männer, die vor Aktivität nur so strotzen, zu erfahren, was man ihr an Entspannung entgegensetzen kann.
Ebenso wichtig wie das "Ausbalancieren" der vermeintlich "typisch" männlichen Eigenschaften sei die Gefühlserziehung der Jungen. Dabei unterscheidet der Tübinger Pädagoge fünf Basisgefühle: Freude, Liebe, Schmerz, Angst und – ganz zentral – die Wut.
Während Mädchen und Frauen sehr schnell Zugang zu den Gefühlen Schmerz und Angst bekommen und diese auch ausdrücken können, tun sich ihre männlichen Gegenüber hier besonders schwer. Zu weinen, wenn "Mann" Schmerz empfindet, Angst zuzulassen zu äußern – dazu müssten Jungs und Männer ermutigt werden.
Auch die Wut müsse einen Platz haben können, müsse, freilich in einem gewissen Rahmen, ausgelebt und von anderen ausgehalten werden können.
Highlight des Abends war denn auch der "Faire Kampf" mit Schaumstoffschlägern, für den Armin Krohe-Amann zwei Zuhörer gewinnen konnte: 90 Sekunden sollten diese nach klaren Regeln miteinander kämpfen, durften und mussten aggressiv sein, "Dampf ablassen". Deutlich wurde: 90 Sekunden lang zu "wüten" ist anstrengend, für die Beteiligten wie für die "Zuschauer", also diejenigen, die die Wut eines anderen aushalten müssen.
Er hätte es nicht gerne gemacht, meinte einer der "Kämpfer". Vielleicht hätte so ein "Dampf ablassen" aber auch etwas Reinigendes, Befreiendes fanden dagegen manche Zuhörerinnen.
"Bei allem Augenmerk auf eine jungenspezifische Pädagogik", so der Tübinger "PfunzKerl" zum Abschluss, "ist und bleibt aber das magische Dreieck der Erziehung von großer Bedeutung": Kinder, die heranwachsen, brauchen demnach unsere Unterstützung – durch Freiräume, die wir ihnen gewähren, durch klare Regeln, mit denen wir ihnen Grenzen setzen und durch ganz viel Herzenswärme, die wir sie spüren lassen.